Steigende Pflege und Betreuung zu Hause

Die neusten Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) zeigen, dass die Nachfrage nach ambulanter Pflege steigt. Die Pflege und Betreuung älterer Menschen zu Hause nimmt gegenüber der Betreuung in Alters- und Pflegeheimen zu. Dabei haben die privatwirtschaftlichen Unternehmen markant zugenommen. Frau Rebekka Hansmann, Geschäftsführerin einer öffentlichen Spitex, nimmt Stellung.

 

 

 

 

Rebekka Hansmann, Geschäftsführerin der Spitex Region Brugg AG (Aargau)

Die Statistik zeigt, dass privatwirtschaftliche Unternehmen 24% mehr Pflege und Betreuung erbringen als im Vorjahr. Der Anstieg bei den gemeinnützigen Unternehmen liegt bei 3%. Wie erklären Sie die markante Zunahme der privatwirtschaftlichen Unternehmen im Pflege- und Betreuungsmarkt?

Die Nachfrage nach Betreuung wächst. Das ist neben der Grundpflege das hauptsächliche Kerngeschäft der privatwirtschaftlichen Unternehmen. Die Spitex Region Brugg AG bietet keine Betreuung an. Da die Betreuungsleistungen von der öffentlichen Hand finanziell nicht unterstützt werden, sind sie nicht Bestandteil unserer Leistungsvereinbarung mit den Gemeinden. Durch die zunehmenden Demenzerkrankungen und schwächeren familiären und nachbarschaftlichen Bindungen werden Betreuungsleistungen durch externe Personen immer wichtiger.

Wie wirkt sich die Zunahme der privatwirtschaftlichen Unternehmen auf die öffentliche Spitex aus?

Es fallen bestimmte pflegerische Leistungen bei uns weg, weil sie von den privatwirtschaftlichen Unternehmen übernommen werden. Allerdings gibt es auch viele Situationen, in denen Öffentliche und Private ergänzend zusammenarbeiten. Im Vergleich zu den privatwirtschaftlichen Unternehmen wirft man uns manchmal mangelnde Kontinuität vor. Es komme jeden Tag eine andere Person von der Spitex. Grund dafür ist, dass wir als Organisation mit Leistungsauftrag jeden Auftrag annehmen müssen. Wir fahren zu einem abgelegenen Hof, um für zehn Minuten Augentropfen zu verabreichen. Wir übernehmen auch sehr kurzfristige Aufträge. Das bedingt eine flexible Einsatzplanung und erschwert eine Kontinuität. Ein privatwirtschaftliches Unternehmen hingegen nimmt nur längere Aufträge entgegen oder kombiniert pflegerische Tätigkeiten mit zwei bis drei Stunden Betreuungsleistungen. Dadurch können privatwirtschaftliche Unternehmen häufig ein kontinuierliches Betreuungsverhältnis anbieten. Zudem haben sie meist eine andere Personalpolitik: Arbeiten auf Stundenlohnbasis oder auf Abruf ist üblich, während wir auf Festanstellungen mit entsprechend guter Sozialversicherung setzen.

Zur 24h-Betreuung: Wie beurteilen Sie die Zunahme von Unternehmen, die eine Rund-um-die-Uhr Betreuung anbieten durch eine Care-Migrantin?

Ich war kürzlich in einem Haushalt mit einer Care-Migrantin. Da lagen die Nerven blank. Es muss sichergestellt werden, dass die Care-Migrantinnen Pausen haben und sich austauschen können, zum Beispiel in Form von Supervisionen. Der Arbeitsplatz ist ein häusliches Umfeld, man sieht nicht, was da passiert. Klar, wir kennen auch viele Situationen, da passt es sehr gut. Es gibt einfach grosse Unterschiede.

Kann die öffentliche Spitex zu einer Verbesserung dieser Situation beitragen?

Ich kann mir vorstellen, dass wir Supervisionen für Care-Migrantinnen anbieten können oder Gespräche zwischen Care-Migrantinnen und Angehörigen unterstützen. Das müsste aber ein Auftrag an die Spitex sein.

Sie bieten keine Betreuung an. Hat sich die Spitex Region Brugg AG in der Pflege speziell professionalisiert in Abgrenzung zu den privatwirtschaftlichen Unternehmen?

Wir wollen eine professionelle Pflege zu Hause in guter Qualität gewährleisten. Wenn die Menschen frühzeitig aus dem Spital entlassen werden, muss die Spitex in der Lage sein, komplexe Pflege zu leisten und mit Fachleuten, ÄrztInnen und Spitälern zusammenzuarbeiten. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es unbestritten sinnvoll, wenn die Menschen so lange wie möglich zu Hause gepflegt werden. Dazu braucht es alles: Hauswirtschafts- und Betreuungsleistungen und die spezialisierte Pflege.

Was ist Ihre Vision als Geschäftsführerin einer Spitexorganisation?

Der Grundsatz „ambulant vor stationär“ muss noch konsequenter umgesetzt werden. Das heisst die Pflege zu Hause muss flächendeckend ausgebaut und professionalisiert und die Zusammenarbeit mit den stationären Einrichtungen intensiviert werden. Als professionelle Spitex können wir das gesamte Gesundheitssystem finanziell stark entlasten. Ich wünsche mir, dass die Politik vermehrt diesen enormen Nutzen der Spitex im Fokus hat und nicht nur die Kosten.

Interview: Jasmine Truong



Folgende Artikel könnten Sie auch noch interessieren:

> «Man muss für seine Interessen einstehen.»

> Eine Klärung der Präsenz- und Ruhezeiten

> La situation à Genève. Die Situation in Genf