«Pflegen ohne Grenzen»

CareInfo sprach mit Soziologin Sarah Schilliger. Sie beschäftigt sich seit 7 Jahren mit den Lebens- und Arbeitswelten von Care-Migrantinnen, sprach mit Betreuungsagenturen, sass mit Gewerkschaften an einen Tisch und gründete mit Care-Migrantinnen zusammen ein Netzwerk, das für faire Arbeitsbedingungen im Privathaushalt kämpft. Ihre Doktorarbeit «Pflegen ohne Grenzen? Polnische Pendelmigrantinnen in der 24h-Betreuung. Eine Ethnographie des Privathaushalts als globalisierter Arbeitsplatz» erschien im Herbst 2015.

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Sarah Schilliger
Oberassistentin am Lehrstuhl für Soziale Ungleichheit, Konflikt- und Kooperationsforschung, Universität Basel

«Es zeigte sich, dass Arbeitsverhältnisse im Privathaushalt schwer zu formalisieren sind – und dass es sich nicht einfach um eine Dienstleistung wie jede andere handelt.»

Sarah Schilliger, Sie haben sich in Ihrer Doktorarbeit eingehend mit der Situation von polnischen Care-Arbeiterinnen in der Schweiz beschäftigt. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?
Der Ursprung liegt einige Jahre zurück. Ich habe während meiner Studienzeit für ein halbes Jahr mit Marta* zusammen gewohnt – einer jungen Frau aus Tschechien, die in Zürich als Au-pair arbeitete. Durch Marta habe ich erstmals in ein Arbeitsarrangement in einem Privathaushalt hinein gesehen. Marta war hier offiziell für einen Kulturaustausch und um Deutsch zu lernen, doch eigentlich machte sie hauptsächlich Haus- und Betreuungsarbeit für wenig Geld. Als ich einige Jahre später an der Uni Basel zu arbeiten begann, verfolgte ich zuerst die Idee, zu den Lebens- und Arbeitsrealitäten von Au-Pairs zu forschen. Ich machte mich auf zu den Orten, die ich durch Marta kannte und an denen sich Au-Pairs häufig treffen am Wochenende. Zum Beispiel im polnischen Gottesdienst. Dort begegnete ich einigen Frauen, die in Privathaushalten arbeiten. Viele waren aber deutlich älter als die Au-Pairs und betreuten nicht Kinder, sondern pflegebedürftige Menschen. So sind die ersten Kontakte zu Care-Arbeiterinnen aus Polen entstanden. Damals sprach noch niemand von diesem Phänomen. Das war 2008.

Von osteuropäischen Kinderbetreuerinnen zu Seniorenbetreuerinnen. Was waren für Sie Schlüsselmomente während Ihrer Forschungsarbeiten?
Es gab ganz viele Schlüsselmomente (lacht). Der wichtigste war wohl, als ich mit den polnischen Care-Arbeiterinnen in Basel in Kontakt kam, die sich sonntags in der Kirche versammeln. Sie treffen sich jeweils nach der Messe zu Kaffee und Kuchen und verbringen gemeinsam den Nachmittag. Dort habe ich Zugang gefunden zu einem Netzwerk von polnischen Frauen – und wurde selber auch ein bisschen Teil davon. Die Frauen haben mir viel erzählt aus ihrem Alltag in der Schweiz und aus ihrem Leben in Polen. Wir haben auch Feste zusammen gefeiert und uns gegenseitig besucht und bekocht. Und wir haben Arbeitsverträge studiert und die Praxis von Agenturen diskutiert, um schliesslich mit einem Anwalt eine Lohnklage zu initiieren. Mit diesen Care-Arbeiterinnen zusammen war ich auch aktiv bei der Gründung des gewerkschaftlichen Netzwerks Respekt@vpod beteiligt. Durch das Engagement im Respekt-Netzwerk habe ich vieles erst so richtig verstanden, weil ich als Forscherin nicht nur den Zehen ins Wasser hielt, sondern tiefer und über einen längeren Zeitraum in ihre Lebensrealitäten eintauchte.

Nun sind 7 Jahre vergangen und Sie haben eine Doktorarbeit zu polnischen Care-Migrantinnen geschrieben, die in der Schweiz arbeiten. Wie würden Sie die Ergebnisse Ihrer Arbeit zusammenfassen?
Meine Arbeit ist ein Versuch, explorativ die Breite und die Komplexität dieses Feldes aufzuzeigen. Die Ausgangslage war der Privathaushalt als globalisierter Arbeitsplatz für polnische Care-Arbeiterinnen. Von da aus folgte ich Spuren in ganz verschiedene Richtungen: ich ging in die Büros von Agenturleiterinnen und -leitern, ich sass mit Gewerkschaften zusammen, ich traf mich mit Behörden und sprach mit Angehörigen von Pflegebedürftigen. Zunächst sah es so aus, als wäre da einfach ein neuer Arbeitssektor im Privathaushalt entstanden, in dem – wie in anderen Sektoren – ein formaler Arbeitsvertrag das Arbeitsverhältnis regelt. Meine Forschung zeigt aber, dass die Alltagsrealität der Care-Arbeiterinnen eine andere ist. Neben dem formellen Vertrag gibt es einen ungeschriebenen Vertrag, der eine 24-Stunden-Präsenz erwartet. Dieser ungeschriebene Vertrag hat viele Konsequenzen auf das Arbeitsverhältnis im Privathaushalt: Das Verwischen der Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit, Begrenzung der eigenen Bewegungsfreiheit, die Schwierigkeit, Freizeit einzufordern. Kurz: Es zeigte sich, dass Arbeitsverhältnisse im Privathaushalt schwer zu formalisieren sind – und dass es sich nicht einfach um eine Dienstleistung wie jede andere handelt.

Wie hat sich der Arbeitsmarkt für Care-Migrantinnen seit Beginn Ihrer Dissertation geändert?
Man kann sicher sagen, dass sich der Markt für 24-Stunden-Betreuung in den letzten Jahren weiter ausgebreitet hat. Seit der Einführung der Personenfreizügigkeit kamen immer mehr Agenturen auf, die sich ein neues Geschäftsfeld erschlossen haben. Eine weitere wichtige Veränderung ist, dass die prekären Arbeitsverhältnisse der Care-Arbeiterinnen öffentlich gemacht wurden. Es wird nun auch politisch darüber diskutiert. Dank einiger mutiger Frauen, die sich in den Medien zu Wort meldeten und öffentliche Aktionen machten, haben Care-Arbeiterinnen nun ein Gesicht und eine eigene Stimme. Durch die Verbreitung der Agenturen stelle ich zudem folgendes fest: Bei prekären Arbeitsbedingungen ist es für Care-Migrantinnen einfacher, sich gegen eine Agenturleitung als Arbeitgeberin aufzulehnen als bei einem direkten Arbeitsverhältnis zwischen der pflegebedürftigen Person und der Care-Arbeiterin. Denn diese stehen in einer persönlichen und häufig auch sehr intimen Beziehung zueinander. Dies macht ein Verhandeln über Freizeit schwierig, weil es durch die betreute Person schnell als Liebesentzug empfunden wird.

Blicken wir in die Zukunft: Welche sind heute die wichtigsten Handlungsfelder aus Ihrer Sicht?
Die grösste Herausforderung für die Frauen ist die 24-Stunden-Präsenz. Die Frage ist, wie wir Arbeitszeit und Freizeit in diesem Sektor regulieren. Politisch muss die Frage ausgehandelt werden, welche Arbeiten in diesem Sektor lohnrelevant sind. Weiter braucht es – neben CareInfo und dem Netzwerk Respekt@vpod – viel mehr Aufklärung der Care-Arbeiterinnen über ihre eigenen Rechte. Sie müssen wissen, dass sie sich hier nicht in einem rechtsfreien Raum bewegen, sondern dass es einen Mindestlohn gibt, dass sie Recht auf Freizeit haben etc. Es braucht aber auch mehr Unterstützung für Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen. Ein anzustrebendes Projekt wäre, in jeder grösseren Stadt eine Anlaufstelle zu errichten, die im besten Fall auch zu einem sozialen Treffpunkt für die Care-Arbeiterinnen werden könnte. So wie es Anlaufstellen für Sans-Papiers gibt. Grundsätzlich sehe ich das 24-Stunden-Betreuungsmodell nicht als das perfekte Zukunftsmodell. Doch kann sich durchaus etwas Neues daraus entwickeln. Zum Beispiel könnten vermehrt kreative, kollektive Wohnformen mit pflegebedürftigen Menschen errichtet werden, wo ambulante und stationäre Pflege ineinanderfliessen. Dort würden Care-Migrantinnen weiterhin einen Job finden, jedoch mit geregelten Arbeitszeiten.

Sie arbeiten nach Abschluss Ihrer Doktorarbeit weiterhin in der Forschung. Beschäftigen Sie sich noch mit den Lebenswelten von Care-Migrantinnen?
Ja! Ich gehe regelmässig an die Versammlungen von Respekt@vpod. Ich bin also immer noch im Feld und versuche, mich nach meinen Möglichkeiten einzubringen. Wissenschaftlich bin ich im Moment mitbeteiligt an der Vorbereitung eines internationalen Forschungsprojekts zu Landwirtschaft und Migration. Auch hier geht es um eine Form von aktivistischer Forschung, die in enger Kooperation mit basisgewerkschaftlichen Initiativen durchgeführt wird. Denn wichtig ist mir, gesellschaftlich relevante und engagierte Wissenschaft zu betreiben.

*Name geändert

Interview: Jasmine Truong



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